BIG EARTH erhält Praxispreis der Kinder- und Jugendhilfe Deutschland

Im Juni 2018 wurde unser Langspielfilm und die damit verbundene Projektarbeit mit dem Praxispreis der Kinder- und Jugendhilfe Deutschland ausgezeichnet. Die Kooperation mit dem ABC Bildung- und Tagungszentrum, der Hüller Medienwerkstatt und DirectorsCut wurde zudem mit einer phänomenalen Laudatio geehrt.
Die Laudatio ist unten stehend nachzulesen.

Die Preisträgerdelegation bestehend aus (von Links) Henning Wötzel-Herber (Produzent), Patrick Merz (Regie), Meisam Amini (Erste Regieassistenz), Franca Ulrich (Cast)

Laudatio zum Praxispreis
Preisträger: ABC Bildungs- und Tagungszentrum für das inklusive, filmische Partizipationsprojekt BIG EARTH
Laudatorin: Ina Bielenberg, Mitglied der Jury

Sehr geehrter Herr Minister Dr. Garg,
sehr geehrte Frau Prof. Dr. Böllert,
sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger, liebe Gäste,

ich möchte Sie einladen, mir zu folgen – nach Drochtersen, einer Gemeinde im Landkreis Stade, genauer gesagt nach Hüll, einem Stadtteil von Drochtersen, der von 769 Einwohnerinnen und Einwohner bevölkert wird und in dem die Telefonnummern dreistellig sind. Sie finden hier ganz viel Landschaft, Kühe, Traktoren, Elbstrand. Schön. Aber was macht man in Drochtersen-Hüll, insbesondere, wenn man jung ist? Man ist ausgesprochen privilegiert, weil man nämlich wahnsinnig tolle Projekte machen kann, denn hier gibt es in einem liebevoll restaurierten alten Bauernhaus eine Bildungsstätte, das ABC Bildungs- und Tagungszentrum Drochtersen-Hüll. Und genau diese Bildungsstätte und das von ihr eingereichte Projekt hat sich die Jury ausgeguckt für den Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis 2018.

BIG EARTH heißt das Projekt, mit dem sich der Jugendbildungsträger um den Preis beworben hat. BIG EARTH ist ein Filmprojekt, an dem von Anfang bis Ende junge Menschen beteiligt waren, junge Menschen, die hierher geflüchtet sind und solche, die hier geboren sind und hier leben. Entstanden ist ein Spielfilm, der die Geschichte von sogenannten UMF (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) erzählt, die in einem Landhotel mitten in der niedersächsischen Pampa gelandet sind, bei schlechten Bedingungen und noch schlechterem Essen. Was sie erleben, wie sie mit der Dorfjugend in Kontakt kommen, Freundschaften schließen, für eine Flüchtlingsshow missbraucht werden sollen, von Abschiebung bedroht sind und zwischen Hoffnung und Verzweiflung, tiefer Weisheit und großem Witz meandern, das alles erzählt der absolut sehenswerte Film. Dem Making of des Films gingen mehrere Workshops und Projekte mit geflüchteten Jugendlichen voraus. Auf der Grundlage der in diesen Workshops erzählten Geschichten und Erlebnissen ist der Plot für den Film entstanden, der mit Unterstützung eines professionellen Filmemachers und mit den Jugendlichen realisiert wurde.

Die Jury zum Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis hat sich einstimmig für dieses Projekt als Preisträger entschieden und hat gleich eine ganze Reihe von guten Gründen dafür gefunden:

BIG EARTH verbindet und erfüllt gleich mehrere Anliegen außerschulischer Jugendbildungsarbeit: die Freiwilligkeit der Teilnahmen, die Partizipation, also die Mitsprache und Mitgestaltung der Jugendlichen von Anfang an, die Ermöglichung der Erfahrung von Selbstwirksamkeit, ein inklusiver Ansatz, der Jugendlichen mit unterschiedlichen Voraussetzungen die Teilnahme ermöglicht und sie gleichberechtigt einbezieht, interkulturelles Lernen und natürlich den außerschulischen Lernort. Darüber hinaus kommt auch die Weiterentwicklung von Kulturtechniken wie die Entwicklung von Sprachkenntnissen oder der Aufbau von Medienkompetenz nicht zu kurz.

Die Politische Bildung, Schwerpunkt der diesjährigen Ausschreibung, ist klar zu erkennen: komplexe und durchaus anspruchsvolle Themen wie Alltagsrassismus, Fluchtursachen, Flüchtlingspolitik, Globalisierung, demokratisches Miteinander, Wertediskussion werden im Film und begleitend in den Workshops aufgegriffen, bearbeitet und für die teilnehmenden Jugendlichen wie auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer des Films verständlich und erfahrbar gemacht. Die lange Zusammenarbeit hat auch außerhalb des offiziellen Projektes zu vielen Gesprächen, Diskussionen, Austauschen geführt, so dass sich non-formales und informelles Lernen gewinnbringend miteinander verknüpfen konnten.

Wir haben es mit einem Projekt politischer Bildung zu tun, das kein Projekt für, sondern ein Projekt mit jungen Geflüchteten ist. Es hat neu angekommene und hier bereits lebende Jugendliche zusammengebracht, um gemeinsam das Projekt umzusetzen. Wir Jurymitglieder fanden es ausgesprochen wohltuend, dass junge Menschen, z.B. aus Syrien oder Afghanistan, weder als hilfsbedürftige Benachteiligte noch als Objekte einer „So hat man sich hier zu Benehmen-Erziehung“ angesprochen wurden, sondern als junge Menschen mit Erfahrungen und Kompetenzen, die gefragt waren und die erfolgreich in das Projekt eingebracht werden konnten.

Auf der Haben-Seite kann darüber hinaus die Vernetzung im ländlichen Raum sowie die Nachhaltigkeit des Projektes verbucht werden, da der entstandene Film auch sehr gut in weiteren Projekten nicht nur der politischen Bildung genutzt werden kann.

Ich fasse also zusammen: ein tolles Projekt, was uns Jurymitglieder vollständig überzeugt hat!

Lassen Sie mich zum Schluss noch ein ganz persönliches Wort anfügen: als Vertreterin eines Verbandes für außerschulische politische Jugendbildung werde ich immer noch mit dem Vorurteil der doch eher nüchternen bis manchmal trockenen politischen Bildung konfrontiert. Ich bin der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ unendlich dankbar, dass Sie sich entschieden hat, den diesjährigen Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis – Hermine-Albers-Preis – dem

Schwerpunkt politische Bildung zu widmen. Dies ist eine großartige Gelegenheit, diesem ollen Vorurteil mit aller Macht entgegenzutreten und zu zeigen, wie viel Spaß, Kreativität und Innovation in der politischen Bildung steckt. Das Projekt BIG EARTH ist das beste Beispiel dafür.

Ich bedanke mich zudem bei allen Jurykolleginnen und -kollegen und gratuliere im Namen der gesamten Jury dem ABC Bildungs- und Tagungszentrum in Drochtersen- Hüll zum Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis 2018!

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